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Notes & Transcripts

Leid und Tod – Wo ist Gott?

Wie tragfähig ist Gottes Wort in Leidenssituationen?

Dr. Jürgen Spieß

 

Ich möchte mit einem Zitat eines Fußballtrainers beginnen: „Grau ist alle Theorie, die Wahrheit ist auf dem Platz“. Das gilt auch für unser Thema: Auf dem Platz, da, wo sich das Leben wirklich abspielt, zeigt sich, wie unser Verhältnis zum Wort Gottes ist und welche Bedeutung es im Ernstfall für uns hat.

Über das Thema Leid kann jeder von uns aus eigener Erfahrung mitreden. Wir alle sind Leidende; wir leiden an Krankheiten, an unserer Lebensgeschichte oder an der Weltgeschichte. Wie wir mit dem Leid unseres Lebens fertig werden, das wird mit darüber entscheiden, wie unser Leben gelingt.

Persönliche Vorbemerkungen

Ich möchte einige persönliche Vorbemerkungen machen. Zunächst: Ich bin nicht nur Einzelkind, sondern auch Einzelgänger. Früher war ich so einzelgängerisch, dass ich, wenn wir zu dritt waren, immer dachte, die beiden könnten sich auch ohne mich ganz gut unterhalten. Glücklicherweise – ich bin auch heute noch ein schweigsamer Mensch – legt meine Umwelt mir das Schweigen meistens als tiefe Nachdenklichkeit aus, was aber überhaupt nicht stimmt.

Und: Bei einem Verkehrsunfall kam meine Familie, Frau und Kind, ums Leben. Von einem Moment zum anderen wurde meine Hoffnung, dass und wie Gott meine Gemeinschaftsunfähigkeit heilen würde, begraben. Als ich sah, wie die Särge ins Grab gelassen wurden, dachte ich: Gott muss seine Verheißung Heile du mich, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen (Jer 17,14) anders erfüllen, mit einer anderen Ehe, vielleicht aber auf einem ganz anderen Weg. – Ich bin zum zweiten Mal verheiratet, und wir haben ein behindertes Kind.

„Wer ein Warum im Leben kennt, erträgt fast jedes Wie“

„Leiden“ kommt vom mittelhochdeutschen „lidan“ und heißt eigentlich „in die Fremde ziehen“. Das ist sehr interessant: Leiden hat etwas mit „fremd sein“ zu tun; „Elend“ heißt „außer Landes sein“. Der leidende Mensch hat den Eindruck: Das ist nicht die Welt, für die ich eigentlich geschaffen bin. Meine Heimat ist irgendwo anders.

Die Frage nach Gott und Leid ist eine zutiefst christliche Frage. Nur wer etwas davon gehört hat, dass es einen Gott gibt, der die Menschen liebt, der kann sich die Frage stellen: Warum ist so viel Leid in der Welt? Ohne Gott – wenn man die Welt einfach als Produkt von Unfall, Zufall oder Notwendigkeit sieht – wen will man für das Leid anklagen? Eigentlich kann man nur über das Leid klagen oder jemand anklagen, wenn hinter dieser Welt tatsächlich ein persönlicher Gott steht. Ein Gott, der diese Welt geschaffen hat, den man auch anklagen kann. Schon in der Antike hat ein Philosoph gesagt: Wenn es keinen Gott gibt, woher kommt dann das Gute? Wenn es aber einen Gott gibt, woher kommt dann das Böse? Diese Frage hat Menschen aller Zeiten bewegt.

Wenn Menschen über das Leid nachdenken, dann fragen sie: Wie kann man im Leid oder trotz des Leides weiterleben? „Trost“ hängt zusammen mit dem englischen „to trust“ und heißt vertrauen. Wie kann ein Mensch im Leiden Vertrauen fassen, so dass er Schritte nach vorne wagen kann? Wie kommen wir zu einem solchen Trost? Für die meisten Menschen, auf Dauer für jeden, ist Leiden ein existentielles, weniger ein intellektuelles Problem. Natürlich kann eine intellektuelle Erklärung des Leides auch eine existentielle Hilfe sein. Es gibt ein schönes Wort von Nietzsche: Wer ein Warum im Leben kennt, der erträgt fast jedes Wie. Wer weiß, warum er lebt, der kann Leid ertragen. Von daher können rein intellektuelle Erklärungen auch eine Hilfe sein.

Wie sieht die christliche Antwort auf die Frage nach dem Leid aus?

Auch die Bibel ist im Zusammenhang mit dem Leid hauptsächlich an der existentiellen Seite interessiert. Die Frage lautet weniger: Woher kommt das Leid? als vielmehr: Wie geht man mit dem Leid um? Welchen Trost gibt es im Leid? Wie kann man mit dem Leid leben? Der Philosoph Habermas hat einmal gesagt: Angesichts von Schuld, von Einsamkeit, von Leid und von Tod ist die Lage des Menschen prinzipiell trostlos. Aber wir alle machen die Erfahrung von Schuld und Einsamkeit, von Leid und von Tod; und wir brauchen eine Hoffnung, die diese vier wichtigen Bereiche unseres Lebens nicht ausklammert. Solche Grenzsituationen sind da, und wir müssen uns zum Leid verhalten, wir können es nicht einfach ausklammern.

Leid als Folge des Abfalls von Gott

Leid wird im Alten Testament als eine Folge des Sündenfalls verstanden, d.h. des Abfalls des Menschen von Gott. Gott ist der Schöpfer des Lebens, der Mensch hat sich selbst aus der Gemeinschaft mit Gott herausgesündigt. Die Folge dieser Trennung von Gott ist Leid und Tod. Der Mensch hat sich vom Leben selbst gelöst, er ist einen eigenen Weg gegangen und die Folge ist der Tod.

Interessanterweise wird das Wort, das im Neuen Testament für „sündigen“ steht, von Homer oft für einen Bogenschützen, der am Ziel vorbeischießt, gebraucht. Sündigen heißt eigentlich, das Ziel verfehlen. Das Ziel, auf das hin der Mensch geschaffen ist, wird verfehlt. Nicht zufällig wird im AT zuerst vom religiösen Sündenfall (1. Mose 3) berichtet und dann erst vom sozialen, dem Brudermord (1. Mose 4). Der Brudermord ist eine Folge der Trennung von Gott. Zunächst einmal ist das Verhältnis zu Gott nicht in Ordnung, daraufhin geschehen die Dinge, die wir oft als Sünde sehen, die aber eigentlich nur eine Folge der Sünde sind. Leid und Tod sind eine Folge der Sünde.

Überwindung des Leids und Vergebung von Schuld

Sehen wir uns eine Geschichte aus dem Neuen Testament an. In Markus 2 wird von einem Gelähmten erzählt, der von seinen Freunden durchs Dach zu Jesus heruntergelassen wird. Jesus sieht diesen Menschen, wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben, und sagt ihm: Deine Sünden sind dir vergeben. Ein überraschender Satz. Der Gelähmte ist ja gekommen, weil er – wie auch seine Freunde – Heilung erhoffte. Die Umstehenden haben Jesu Aussage sicherlich auch als eine Überraschung, vor allem aber als eine Anmaßung empfunden. Ihre Anfrage: Dieser Jesus setzt sich Gott gleich, denn wer außer Gott kann Sünde vergeben? Jesus heilt den Gelähmten damit ihr wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben.

Leid hat Signalfunktion

Vielleicht kann man das Problem des Leidens so formulieren: Wir sind interessiert an der Beendigung des Leidens, Gott aber möchte die Beendigung des Ursprungs des Leidens. Gott geht es nicht in erster Linie darum, die Folgen zu kurieren, sondern um den Ursprung des Leids: nämlich die zerstörte Beziehung von Gott und Mensch wiederherzustellen.

In der Welt, in der wir leben, haben Leid und Schmerz auch eine positive Funktion. Ohne Schmerzempfindlichkeit könnte keiner von uns leben. Angst vor Schmerzen ist lebenswichtig. Lepra ist deswegen so gefährlich, weil die Erkrankten schmerzunempfindlich sind und sich verletzen, ohne es zu merken. Wer Schmerzen empfindet, dem wird signalisiert: Es ist etwas nicht in Ordnung. Wer Zahnschmerzen hat, der kann natürlich einige Wochen lang die Suppe immer über die rechte Seite hinunterbringen, aber auf Dauer weiß er, dass er zum Zahnarzt gehen sollte.

Möglicherweise signalisiert der Schmerz: Die Sicherheiten, auf die ich bisher mein Leben aufgebaut habe, sind gar nicht so sicher. Es war alles bestens, bis ich auf einmal so einen Stich im Herzen hatte. Dann frage ich mich: Was war eigentlich die Sicherheit in meinem Leben und warum ist jetzt nichts mehr sicher? Manche Menschen berichten, dass eine Leiderfahrung für ihren Lebensweg von großer Bedeutung war, vielleicht sogar der Anlass zur Umkehr zu Gott. Leid kann also durchaus positive Funktionen haben. Wir kennen das Sprichwort: Not lehrt beten. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit; ich glaube, dass das zu ergänzen ist durch: Not lehrt fluchen. Schmerz ist real, auf ihn muss man reagieren. Schmerz zeigt etwas auf über die Welt, in der wir leben.

Wer ist schuld am Leid?

Der Bibel zufolge sind also Leid und Tod eine Folge des Sündenfalls. Man kann sicherlich auch sagen, dass das meiste Leid Menschen anderen Menschen zufügen. Welchen Sinn hat es, Gott für Konzentrationslager oder Archipel Gulags verantwortlich zu machen, in denen Menschen andere Menschen foltern, erniedrigen und töten? Oder wenn Menschen nicht in der Lage sind, die Güter dieser Erde richtig zu verteilen, welchen Sinn hat es da, dass Menschen, die ohnehin nicht nach Gott fragen, Gott für all das verantwortlich machen? Sehr verbreitet ist auch die Erwartung, Gott müsse einsatzbereit sein wie eine Feuerwehr – sofort zur Stelle, wenn es brennt. Wann sollte der Eingriff Gottes beginnen? Schon wenn Menschen etwas Finsteres denken? Erst wenn sie zur Tat schreiten? Andere haben, glaube ich, eine Vorstellung von Gott als einem lieben Großvater im Himmel, der am Ende des Tages sagt: Hauptsache, es hat allen gefallen. Das würden die meisten nicht direkt so formulieren, aber unterschwellig ist diese Vorstellung doch da: Gott ist dafür da, dass es mir gut geht, und er freut sich, wenn am Ende des Tages alle sagen können: Das war doch eigentlich ein schöner Tag.

Aber wir wissen auch: Wenn Gott wirklich heilig und gerecht ist, dann kann er sich mit uns, so wie wir sind, nicht abfinden. Jesus sagt einmal: So wie du behandelt werden möchtest, so behandle den anderen. Uns allen ist klar, dass wir einander manchmal leider nicht so behandeln, wie wir selbst gern behandelt werden wollen. Wir entschuldigen uns mit dem Fehlverhalten anderer, mit Stress, mit Druck: Der Tag war so anstrengend, und da bin ich leider ein bisschen aus der Haut gefahren. Ich möchte hier das Bild einer Zitrone bringen: Wenn man eine Zitrone auspresst, fließt saurer Saft heraus. Er ist nicht deshalb sauer, weil man die Zitrone gepresst hat, der Saft war schon immer sauer. Vielleicht ist es mit uns ähnlich, erst unter dem Druck – des Auspressens – zeigt sich, was in uns steckt. Die meisten Menschen halten sich einfach deshalb für gut, weil es ihnen gut geht. „Ich bin der friedlichste Mensch der Welt, ich könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.“

Die neue Welt Gottes

Die zentrale Antwort der Bibel ist die Aufhebung des Leidens in der neuen Welt Gottes, in der Gerechtigkeit wohnt. Das ist nicht die Art von Gerechtigkeit, die wir kennen, von der Bürger der früheren DDR sagen: „Wir wollen Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“ Es wird einmal in Gerechtigkeit Recht gesprochen über Opfer und über Täter. Es wird eine neue Welt Gottes geben, so sagt die Offenbarung, ohne Leid, ohne Tod, ohne Geschrei, ohne Bitterkeit. Paulus schreibt in Römer 8, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Eine für mich zentrale Aussage zum Thema Leid bei Paulus steht im Philipperbrief. Da schreibt er: Der Leib unserer Niedrigkeit wird verwandelt in den Leib seiner Herrlichkeit (Phil 3,21). Diese Aussage gilt nicht nur für Behinderte, sondern wir alle werden irgendwann einmal die Erfahrung machen, dass der Leib, in dem wir uns befinden, ein Leib der Niedrigkeit ist. Aber dieser Leib wird verwandelt werden in den Leib seiner Herrlichkeit. Gottes Macht zu heilen wird im Handeln Jesu deutlich. In seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung wird schon ein Stück weit die Erfüllung dieser Verheißung sichtbar, dass es einmal eine neue Welt Gottes geben wird.

Unsere Arbeit ist nicht vergebens

Ist nicht die Rede von der neuen Welt eine Vertröstung? Wer hier zu kurz kommt, darf wenigstens auf den Kuchen im Himmel hoffen? Die entscheidende Frage, auch bei dem, was über die neue Welt Gottes ausgesagt wird, ist die nach der Wahrheit dieser Aussage.

Sünde ist die Ursache unserer Trennung von Gott: Deshalb ist die Frage zentral, wie unser Verhältnis zu Gott wiederhergestellt wird. Genau dazu hat Jesus eingeladen, zur Umkehr und Versöhnung mit Gott.

In der Bergpredigt bietet Jesus uns einen Sorgentausch an: Gebt nur Gott und seiner Sache den ersten Platz in eurem Leben, so wird er euch alles geben, was ihr nötig habt (Mt 6,33, Hoffnung für alle). Man könnte auch sagen: Die Leiden unseres Lebens sollen klein werden in der Nachfolge Jesu. Wir können das Leiden in dieser Welt nicht abschaffen, das hat auch Jesus nicht getan. Aber wir sollen dazu beitragen, dass das Leiden vermindert wird. Als im 4. Jahrhundert Julian Apostata Kaiser wurde, wollte er gerne wieder die alten Religionen einführen. Über die Christen sagte er: Sie haben nur deshalb Zulauf, weil sie sich um die Alten, die Kranken und die Waisen kümmern, und das machen wir nicht.

Für manchen mag es unbefriedigend sein zu sagen: Wir können als Christen das Leid in dieser Welt nicht abschaffen, sondern nur verhindern oder vermindern. Was können wir angesichts des unermesslichen Leides schon tun?

In 1. Kor 15 schreibt Paulus: Weil Christus auferstanden ist, ist das, was wir tun, auch im Verhältnis zum Leid in dieser Welt, nicht vergebens.

Ich möchte dazu eine Geschichte von einem Mann erzählen, der in einer Gegend lebte, in der häufig der Fluss stark über die Ufer trat. Wenn der Pegelstand zurückging und der Fluss ruhiger dahinfloss, dann blieb vieles Kleingetier – Krebse und Fisch – zurück an Land. Und dann geht dieser Man am Ufer entlang, und wo er noch einen Krebs oder Fisch zappeln sieht, nimmt er ihn und wirft ihn zurück in den Fluss. Da kommt ihm jemand entgegen und sagt: „Dieser Fluss ist Tausende von Meilen lang. Was macht das für einen Unterschied, ob du hier stehst und einige Fische und Krebse wieder in den Fluss wirfst?“ Darauf sagt der Mann: „Was das für einen Unterschied macht im Zusammenhang dieser Tausende von Meilen, das kann ich nicht sagen. Aber ich weiß ganz sicher, dass es einen Unterschied macht für die Fische und Krebse, die ich hineinwerfe.“

Auch wir können das Leid dieser Welt nicht abschaffen, aber wir können an der Stelle, wo wir stehen, daran mitwirken, dass Leid verhindert oder gelindert wird. Wir sollen uns nicht mit dem Leid abfinden. Leid ist nicht in sich selbst gut, auch wenn es gute Wirkungen haben kann. Selig sind die Leid tragen (Mt 5,4).Das heißt nicht, dass wir Leiden suchen sollen, damit wir diese Seligpreisung erfahren.

Warum ich?

Leiden steht in diesem großen Zusammenhang des Abfalls des Menschen von Gott. Aber es gibt nicht immer eine direkte Beziehung zwischen Schuld und Leid. Die Frage: Warum ich? ist für einen Außenstehenden schwer zu beantworten, für den Betroffenen selbst auch nicht. Im Neuen Testament stellen die Jünger an zwei Stellen die Frage: Wer ist schuld – der (Blindgeborene) oder seine Eltern? oder: Warum sind die durch dieses Unglück umgekommen? Wer ist schuld? Jesus lehnt es ab, da einen Zusammenhang herzustellen. Er sagt: Kehre du selbst um. Oder er sagt: An diesem Leid soll etwas vom Handeln Gottes deutlich werden.

Es gibt diesen generellen Zusammenhang von Leid und Schuld, aber man kann und man soll ihn nicht immer im Konkreten herstellen. Es kann sein, dass das Leid, das wir erfahren, mit einer konkreten Schuld zusammenhängt, dann dürfen wir Vergebung in Anspruch nehmen. Unsere Vergangenheit darf keine Macht über uns haben. Wir können mit allem, was wir sind und getan haben, zu Jesus Christus kommen. Wir dürfen von der Vergebung her leben und zwar gerade bei Dingen, die in unseren Augen nicht zu entschuldigen sind, gerade dann können wir uns auch vergeben lassen. Warum ich? Eine Frage, die von einem Außenstehenden und auch oft von uns selber nicht zu beantworten ist.

Was mir geholfen hat

Ich möchte abschließend von dem erzählen, was mir selbst geholfen hat, vor allem nach dem Tod meiner Familie.

lVon den Freunden Hiobs kann man einiges lernen. Mir hat geholfen, dass Freunde zu mir kamen, einfach bei mir waren. Wenn man im Buch Hiob weiterliest, stellt man fest, dass die Freunde Hiobs später nicht gut auf Hiobs Situation reagiert haben. Aber am Anfang taten sie das Richtige: Sie sind hingegangen. Wenn jemand leidet, ist es wichtig, dass man ihm zeigt: Du bist nicht allein. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Zeit und Liebe. Zeit ist das Wichtigste, was man einem anderen Menschen schenken kann.

lWas mir neben den Freunden, die mich besuchten, sehr geholfen hat, war, dass ich die Worte der Losung gelesen habe. Ich habe schon oft erlebt, dass Gott durch sein Wort in mein Leben hinein gesprochen hat, gerade auch durch die Losung.

Eine Woche nach dem Unfall nahm ich an der Beerdigung teil. Es war für mich wichtig, an der Beerdigung teilgenommen zu haben und zu sehen, dass wirklich ein Abschnitt sichtbar beendet ist. Ich habe mir das Losungsbuch kommen lasen und habe die Texte vom Unfalltag an gelesen. Am Tag der Beerdigung lautete der Liedvers: Sterben heißt, ans Ziel gelangen. Dazu aus dem 1. Johannesbrief: Das aber ist die Gabe Gottes in Christus Jesus: das ewige Leben. Am nächsten Tag aus Psalm 16: Mein Los ist mir auf liebliches Land gefallen. Das hat mich deshalb so angesprochen, weil es das Lieblingswort meiner Frau aus dem Alten Testament war. Am dritten Tag aus Hiob 2: Haben wir Gott für das Gute gedankt, sollten wir das Böse nicht auch aus seiner Hand nehmen? Hiob dankte Gott, als es ihm gut ging. Als sich das änderte, hat er nicht getrennt und gesagt: Für das Gute ist Gott zuständig und für das Böse nicht. Ihm war bewusst, Gott muss das Böse mindestens zulassen. Es heißt sogar im Alten Testament: Gibt es ein Unheil, das Gott nicht tut? Es ist nicht nur so, dass er Dinge zulässt, sondern er tut auch Dinge, von denen wir sagen würden: Wo ist Gott? Hiob hat gesehen: Das ist der gleiche Gott. Es gibt ein Wort in Hiob, das manchmal so übersetzt wird: Auch wenn er mich tötet, ich hoffe auf ihn. Das ist zweifellos das stärkste Vertrauen in Gott. Wir vertrauen auf den Gott, der Tote lebendig machen kann. Das letzte Losungs-Wort in der Woche des Unfalls findet sich in Römer 8: Weder Tod noch Leben kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Für mich war es eine Gnade in meinem Leben, dass ich erstens auf die Idee gekommen bin, überhaupt die Losungen zu lesen und zweitens, dass diese Worte auch bei mir angekommen sind. Es ist eine Gnade, sowohl, dass man das Wort liest als auch, dass es ankommt. Paulus schließt in 1. Kor 15: Weil Christus auferstanden ist, ist das, was wir tun in seinem Namen, nicht vergebens. Wo ist Gott? Man müsste umgekehrt natürlich fragen: Wo ist Gott nicht? Wenn er mich auch tötet, so hoffe ich auf ihn. Sicherlich eine der stärksten Aussagen der Hoffnung auf Gott, oder wie Paulus im 2. Korintherbrief schreibt: Wir haben unsere Hoffnung gesetzt auf den Gott, der Tote auferwecken kann. In dieser Welt ist alles Heilen vorläufig. Aber die Aussage des Neuen Testamentes, die bestätigt worden ist durch die Auferweckung Jesu von den Toten, lautet, dass es einmal einen Augenblick geben wird, an dem wird Jesus nicht nur zu dem Gelähmten, sondern zu uns allen sagen – und dann wird es kein vorläufiges Rufen sein: – Ich sage dir, stehe auf. Darauf hoffe ich und bin ganz gewiss: Er wird den Leib unserer Niedrigkeit verwandeln in den Leib seiner Herrlichkeit (Phil 3). Wir werden, so hat der Tübinger Theologe Otto Michel gesagt, nicht als achtzigjährige Greise auferweckt, sondern anders. Wie, das werden wir dann erfahren.

Lektüre zum Thema:

¨      RUDOLF BOHREN. In der Zeit der Zisterne. München: Kaiser-Verlag.

¨      HERMANN BRÜNING. In dir ist Freude – in allem Leide? Wuppertal: Brockhaus Verlag Wuppertal

¨      D.A. CARSON. Ach, Herr, wie lange noch? Marburg: Verlag der Francke Buchhandlung

¨      RONALD DUNN. Wenn Gott schweigt. Lahr: Johannis

¨      SIEGFRIED KETTLING: Du gibst mich nicht dem Tode preis. Wuppertal: Brockhaus Verlag

¨      C.S. LEWIS. Über den Schmerz. Gießen: Brunnen-Verlag

¨      C.S. LEWIS. Über die Trauer. Benzinger

¨      HANNELORE RISCH. Gott tröstet. Wuppertal: Brockhaus Verlag

¨      PHILIPP YANCEY. Von Gott enttäuscht? Metzingen: Ernst Franz Verlag

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