Faithlife Sermons

Die Kraft der Vergebung

Sermon  •  Submitted
0 ratings
· 44 views
Notes & Transcripts

Einstieg

Beispiel: Zur Vergebung nicht fähig...

Ich habe vor kurzem folgende Geschichte gelesen:

Ein kleiner Junge hatte eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Vater. Als später die ganze Familie am Essenstisch versammelt war, sagte der Vater zu ihm: "Ich weiß, dass es Dir jetzt vielleicht schwer fällt, aber würdest du bitte das Tischgebet übernehmen?" - Der Junge zögert kurz und betet dann: "Lieber Gott, ich danke dir: Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde. Amen."

Offensichtlich hatte er nicht wirklich vergeben...

Bezug zu Zuhörern:

Ich weiß genau: Auch unter uns gibt es viele, die Verletzungen mit sich herumtragen:

  • alte und neue Verletzungen
  • durch Fremde, Freunde, Verwandte, Glaubensgeschwister

Du wurdest

  • missbraucht, ausgenutzt, enttäuscht, betrogen, verleumdet, vernachlässigt

Welche Gefühle löst das in dir aus? - Zuerst einmal: Die Gefühle sind normal. Du musst sie nicht verdrängen, musst nicht einfach die Augen verschließen - Schwamm drüber - fertig. Das verlangt niemand von dir, auch Gott nicht! Die Frage ist: Wie geht es weiter? Sind die Verletzungen und die negativen Gefühle die Endstation?

Ich möchte einen Bibeltext lesen, der zeigt, wie es weitergehen kann:

Bibeltext: Der Schalksknecht

Matthäus 18:21-35

Erläuterungen zum Text

Die Frage des Petrus V. 21-22

Die Frage des Petrus leitet sich ab aus der jüdischen Tradition der Rabbiner, die lehrten, man müsse drei Mal vergeben. Petrus hat aus dem, was Jesus vorher lehrte, erkannt, wie wichtig Vergebung ist und schlägt deshalb vor, man solle sieben Mal vergeben. In seiner Antwort zeigt Jesus, dass Vergebung keine Sache des Abzählens ist und nach dem siebten Strich auf der Liste ist endgültig Schluss. Er sagt, man müsse siebenmal siebzigmal vergeben. Damit drückt er nicht aus, dass das Limit bei 490 liegt, wobei das schon sehr viel ist. Ich habe meinen Taschenrechner zu Hilfe genommen und gerechnet: Wenn jemand alle zwei Minuten kommt und um Vergebung bittet, dann ist das, die Schlafenszeit abgezogen, am Tag etwa 490 Mal. Die Zahlen 7 und 10 symbolisieren Vollständigkeit. Vergebung hat keine Grenze. Das will Jesus sagen. Er illustriert das mit einer Parabel.

Der König und sein Knecht V. 23-27

Da ist ein König, zu dem ein Knecht gebracht wird.

  • Knecht = doulos (eigentlich Sklave, hier aber wohl ein hochrangiger Staatsbeamter; belegt bei Herodot und Xenophon)
  • Schuld = 10.000 Talente
  • Talent: Bezeichnung für verschiedene Maße; daher nicht klar, was es genau bedeutet, vermutlich 1 Talent = 6.000 Denare = 6.000 Tagelöhne; nach heutigen Einkommensverhältnissen waren die 10.000 Talente eine Schuld in Höhe von rund 5 Mrd. Euro
  • utopische Summe: die Tributzahlungen des Jahres 4 v. Chr. von Judäa, Idumäa und Samaria betrugen zusammen 600 Talente (Fl. Josephus, Ant. XVII, XI 4)
  • Ihn selbst verkaufen = Strafe für einen Dieb Exodus 22:2
  • und seine Frau und Kinder: diese Strafe kennt das Gesetz nicht
  • ich will alles zurückzahlen = Realitätsverlust: bei 100-fachem Einkommen eines Tagelöhners wäre er ohne Berücksichtigung von Zinsen rechtzeittig zur Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 fertig geworden (1917 Jahre)

Der Knecht und sein Mitknecht V. 28-30

Noch unter dem Eindruck der erfahrenen Gnade begegnet der Knecht einem Mitknecht.

  • kleine Schuld: 100 Denare = 100 Tagelöhne
  • Faktor 1:600.000
  • gleiche Situation, aber:
  • er zeigt keinerlei Barmherzigkeit, sondern wirft ihn ins Gefängnis

Die Konsequenz V. 29-35

  • Der König übergibt den unbarmherzigen Knecht den Folterknechten, bis er alles bezahlt hat!

Anwendung

Wie können wir diese Geschichte in unserem Leben umsetzen?

1. Vergeben kostet Kraft, nicht vergeben kostet viel mehr!

Natürlich ist es meist nicht leicht, zu vergeben. Aber Gott erwartet es einfach von uns.

Wenn wir im Vaterunser beten "vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" (Matthäus 6:12b), ist uns da bewusst, worum wir Gott eigentlich bitten? Deswegen erklärt Jesus auch in den anschließenden Versen 14-15:

Paulus greift dieses Prinzip auf:

Epheser 4:32: Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!

Kolosser 3:13: Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr!

Jakobus formuliert es noch schärfer (Jakobus 2:13):

Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der nicht Barmherzigkeit geübt hat.

Wir sind es also Gott schuldig, unseren Schuldnern ihre Schulden zu vergeben!

2. Gott schenkt Kraft, zu vergeben und Kraft aus der Vergebung

Ich möchte dazu nur etwas vorlesen, was Corrie ten Boom erzählt:

In Deutschland finde ich überall die Wunden und Narben des ‎Krieges. Eine Mutter zeigte mir einen Brief von ihrem Sohn Karl. Er ist in den Niederlanden ‎in einem Gefängnis. Während des Krieges war er Gefängniswärter, und genau dort, wo er ‎seine Grausamkeiten verübt hat, muss er jetzt dafür büßen. Sechzehn Jahre Gefängnis ‎lautete das Urteil. Sein Brief aber ist heiter. Er schreibt: "Liebe Eltern, freut euch mit mir: ‎Ich habe den Herrn Jesus als meinen Heiland angenommen! Er hat mich zu einem Kind ‎Gottes gemacht. Alle meine Sünden habe ich auf ihn geworfen, und er hat sie in das tiefe ‎Meer versenkt."‎ Als ich diese Sätze lese, beschließe ich, mich bei der Königin Juliane für ihn zu verwenden ‎und Amnestie für ihn zu erbitten.‎

Bevor ich meinen Brief an die Königin schreibe, besuche ich Karl. Er ist im Vughter ‎Gefängnis. Ich kenne es gut. Wieder sehe ich den Innenhof, wo Bep und ich einst gestanden ‎haben, ohne zu ahnen, was unser Schicksal sein würde. Wir standen damals inmitten einer ‎Reihe von Männern, und man erzählte uns, dass wir nun wohl erschossen werden sollten. ‎Das Grauen packt mich beim Betreten dieses Schreckensortes. Jetzt nähere ich mich der ‎Zelle, wo Karl, mein ehemaliger Aufseher, sich aufhält.‎

"Ich bringe dir Grüße von deinen Eltern, Karl."‎

‎"Haben Sie sie denn gesehen?"‎

‎"Gewiss, ich komme eben aus Deutschland."‎

Karls Augen werden feucht, und er flüstert: "Wie geht es der Mutter?"‎

‎"Gut, Karl, sie freut sich, dass du dich für Jesus entschieden hast und jetzt ein Kind Gottes ‎sein darfst."‎

Ich erzählte ihm etwas von meinem Besuch bei seinen Eltern und Freunden. Und dann ‎sagte ich: "Ich habe auch in diesem Gefängnis gesessen."‎

‎"Ja, wann?"‎

‎"Im Jahre 1944."‎

Karl erblasste und schaute mich an. "Dann kennen wir uns?"‎

‎"Ja, allerdings kennen wir uns."‎

In der Erinnerung erleben wir beide nochmals die Grausamkeiten, deren Karl sich schuldig ‎gemacht hat, aber dann sagt er - und ein Freudenschimmer verklärt sein Gesicht: "Ich bin ‎so froh, dass ich jetzt von meinen Sünden erlöst bin."‎

Düstere Gedanken suchen mich heim. So leicht ist das? Jawohl: Mein Vater, meine ‎Schwester Bep, Kik, mein Vetter, und viele, viele andere sind im Gefängnis oder im ‎Konzentrationslager durch deine und deiner Genossen Grausamkeiten einfach hingemordet ‎worden. Und jetzt sind deine Sünden einfach von dir genommen. So einfach ist das...?‎

Ich sage kein Wort. Nur die Gedanken arbeiten in mir. Aber dann wird mir plötzlich klar, ‎was ich tue. Jesus hat Karls Sünden ins tiefe Meer versenkt. Vergeben und vergessen hat er ‎sie. Und ich zerre sie wieder ans Tageslicht. Ich bete: "Vater, vergib mir diesen Gedanken ‎im Namen Christi! Herr Jesus, lass mich ganz nahe bei dir sein, so nahe wie die Reben des ‎Weinstocks sich an seinen Stamm halten, damit ich vergeben und vergessen und meine ‎Feinde lieben kann!" Und jetzt habe ich wieder Mut zum Reden.‎

‎"In der Tat, Karl, deine Sünden sind dir vergeben worden. Der Herr Jesus hat die Sünden ‎der ganzen Welt getragen, auch deine und meine Sünden. Ich will dir etwas sagen: Ich ‎schreibe jetzt an die Königin und bitte sie, dass dir Amnestie verliehen werden möge."‎

In der Zelle bei Karl habe ich die folgende Lektion gelernt: Nur wenn ich mit ihm, der am ‎Kreuze gebetet hat: "Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun", verbunden ‎bin, nur dann kann ich auch vergeben und vergessen, ja sogar meine Feinde lieben. Ohne ‎ihn aber ist mein Herz von Hass und Bitterkeit erfüllt. Darum will ich bei ihm bleiben und ‎die Rebe des Weinstocks sein: "Auf dass meine Freude in euch bleibe und eure Freude ‎vollkommen werde", sagt Jesus.‎

3. Christen können anders leben!

Menschliche Beziehungen = Leistung und Gegenleistung

  • zum Beispiel Geburtstagsgeschenke
  • auch Menschen, die immer mehr geben als sie nehmen, handeln nach diesem Prinzip
  • gilt auch für viele Christen: erwarten viel von anderen / christl. Masochismus = Streben nach Anerkennung

Nicht "Wie du mir, so ich dir!", sondern "Wie Gott mir, so ich dir!"

Gestern habe ich mit meiner Familie einen Film angesehen: Pay it forward (dt. Das Glücksprinzip), das bedeutet übersetzt: Zahl es vorwärts! Wir Menschen zahlen ja immer gerne zurück, oder?

Der Film basiert auf einem Roman von Catherine Ryan Hyde aus dem Jahr 2000. Ein Lehrer gibt seinen Schülern der 7. Klasse die Aufgabe, sich etwas auszudenken, was die Welt verändert und es in die Tat umzusetzen. Einer seiner Schüler hat eine Idee: Man soll drei Menschen etwas Gutes tun. Diese revanchieren sich aber nicht, sondern tun wiederum drei anderen Menschen Gutes. Obwohl der Junge glaubt, dass er persönlich mit dem Versuch seine Idee umzusetzen gescheitert ist, wird am Ende deutlich, dass er eine Lawine des Guten losgetreten hatte, die sich über das ganze Land ausgebreitet hat. Ein sehr sehenswerter Film!

Jesus Christus hat vorausgezahlt- mit der teuersten Zahlung, die es überhaupt gibt, seinem Blut und seinem Leben, das er für uns gegeben hat, als wir noch seine Feinde waren. Was fange ich mit dieser Vorauszahlung Jesu an? - Könnte es sein, dass er von mir auch erwartet, dass ich das an andere weitergebe? In 1. Johannes 4:10-11 schreibt Johannes:

Hierin ist die Liebe: nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden. Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, sind auch wir schuldig, einander zu lieben.

Das ist das Prinzip der Christen: Nicht "wie du mir, so ich dir", sondern "wie Gott mir, so ich dir"!

Gott hat uns mit allem ausgestattet, was wir brauchen:

  • Wir haben die Vergebung, damit wir anderen vergeben können.
  • Seine Liebe ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist Römer 5:5
  • Seine Kraft wirkt in uns, die Kraft, mit der er Jesus Christus aus den Toten auferweckt hat Epheser 1:18-20
  • Der Geist Gottes wohnt in uns 1. Korinther 3:16

Wieso sollten wir kriechen lernen, wenn wir fliegen können? - Wieso?

Verzerrte Selbstwahrnehmung

Als ich meine eigene Stimme das erste Mal auf einer Kassettenaufnahme hörte, war ich entsetzt. Warum?

Das hängt mit der Anatomie des Ohres zusammen. Wir hören unsere eigene Stimme nämlich über die Knochenleitung. Es entstehen Schwingungen aus assymmetrischen Verzerrungen im Mittel- und Innenohr. Dazu kommt noch, dass zusätzliche Schwingungen durch Überlagerung entstehen. Jeder andere hört mich also anders als ich mich selbst! Das ist ein gutes Bild für unsere gesamte Selbstwahrnehmung. Sehe ich mich als Mittelpunkt meines Universums? Oder betrachte ich mich überkritisch und lasse Minderwertigkeitsgefühle und Komplexe zu? Welche Auswirkungen hat das darauf, was ich deshalb von anderen erwarte?

Sowohl der Pharisäer wie auch der Zöllner hatten ein bestimmtes Bild von sich - welches? (Lukas 18:9-14) Der Zöllner hat sich vor Gott gebeugt. Der Pharisäer dagegen hat auf den Zöllner mit Verachtung herabgesehen. Spurgeon hat einmal gesagt: Fehler sind immer dick, wo die Liebe dünn ist‎. Das ist das Problem!

Wie kann ich das umsetzen?

Vielleicht ist dir das in der Theorie ja alles klar. Aber du sagst:

  • ich habe das schon so oft versucht und es hat nie geklappt.
  • Wenn ich das mache, werde ich nur ausgenutzt.
  • Ich spüre aber keine Liebe für andere!

Einer meiner Mitarbeiter hat sich ein schönes rotes Cabrio gekauft. Von diesem Auto ist er total begeistert. Wenn nicht gerade seine Frau damit unterwegs ist, steht es während der Arbeitszeit in der Tiefgarage. Ein wirkliches Schmuckstück! Wenn ich mich also in meiner Mittagspause in dieses Cabrio setzen würde, hätte ich davon etwas? - Vermutlich nicht. Solange ich nicht Gas gebe und das Cabrio in Bewegung bringe, werde ich den Fahrtwind nie in den Haaren spüren. Bete zu Gott, dass er dir Gelegenheiten zeigt und dann fahr los!

Ausstieg: Was wirst du jetzt tun?

Du hast es in der Hand! Was wirst du jetzt tun, wenn Gott dich angesprochen hat? Möchtest du weitermachen wie bisher? - Das ist sicherlich eine Option. Viele in den Gemeinden machen das so. Deswegen gibt es viel Leid und Frustration, deswegen lagern in den Kellern so mancher Gemeinde gefährliche Altlasten. Vielleicht nimmst du aber auch die Gelegenheit wahr, jetzt hinzugehen zu dem, der dir Mühe macht. Du bist in Christus und er in dir. Möchtest du das erleben?

Related Media
Related Sermons